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Gefährliche Glückspillen

Zum ARD-Beitrag vom 18.2.2013 um 22:45

(Leider ist der Beitrag bei der ARD nicht mehr online - deshalb hier ein Link zu Youtube)

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Schon der Titel des Films macht diejenigen stutzig, die wissen, wofür Antidepressiva eingesetzt werden – als Medikament für eine oftmals schwere Erkrankung. ADs kann man alles Mögliche nachsagen, aber gewiss nicht, dass sie glücklich machen würden. Allerdings glauben diejenigen, die eben nichts über Depressionen wissen, genau darum ginge es: Unglückliche Stimmungen zu bügeln, damit man künstlich glücklich wird und mit einem Dauergrinsen herumläuft.

So falsch und irreführend wie der Titel ist dann tatsächlich auch der ganze Film.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist überhaupt nicht abzustreiten, dass die Wechselwirkungen von Psyche und Psychopharmaka alles andere als vollständig berechenbar sind.

Das Hauptmerkmal einer Depression ist Hemmung. Hemmung der Gefühle, des Denkens, der Affekte. ADs greifen hier ein und können über die Regulierung des Neurotransmitters Serotonin dabei helfen, diese lebenstötende Hemmung zu beseitigen.

Dabei kommt es in wenigen Einzelfällen vor, dass ein schwer depressiver Mensch wieder Antrieb erhält, ohne jedoch seine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bereits überwunden zu haben und sich dann aufgrund dieses Antriebs das Leben nimmt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Angehörige, Freunde, aber vor allem der Patient selbst über diesen Zusammenhang informiert ist und einen entsprechenden Schutz erhält. Aber es ist grundfalsch, daraus ableiten zu wollen, dass das Medikament Suizidalität verursachen würde. Genau so hörte es sich im Film aber an.

Ähnlich liegen die Dinge bei unerwarteter Aggressivität. Auch hier wird eine krankhafte Hemmung unglücklicherweise manchmal in eine Explosion verwandelt, weshalb, wie vielfach gefordert, eine enge Versorgung von Depressionskranken wichtig ist, um bei solchen Fehlentwicklungen rechtzeitig gegensteuern zu können. Aber wir geben uns ja anscheinend damit zufrieden, dass die Kranken 3-6 Monate auf Therapie warten müssen. Vielleicht macht das ja auch manchmal aggressiv? Oder treibt gar in den Suizid?

Weiter darf nicht übersehen werden, dass Depressionen häufig in Begleitung anderer psychiatrischer Erkrankungen auftreten. Da gibt es z.B. Persönlichkeitsstörungen, die unerkannt bleiben und nur die Depression wird diagnostiziert. Eine plötzlich auftretende aggressive Persönlichkeitskomponente im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung war möglicherweise vorher durch die Depression gehemmt und bricht nun durch. Es erscheint schlicht unmöglich, wirksame Medikamente zu entwickeln, die all diese Eventualitäten berücksichtigen. Keiner durchschaut die Funktionen der menschlichen Psyche wirklich, aber hier will man plötzlich wissen, dass eine Substanz zu Suizid und lebensgefährlicher Aggressivität führt.

Pharmakonzernen sollte man besser auf die Finger schauen und ja, denen ist Geld sehr wichtig und deren Informationspolitik ist sicher davon gefärbt, Risiken lieber herunterzuspielen, wenn es denn geht. Auch dass Psychopharmaka ungebremst bei den Ärzten beworben werden, darf nicht sein. Aber das Problem ist hier eben das gleiche wie an so vielen Stellen: Geld zu verdienen und gesellschaftliche Verantwortung zu tragen bekommt nicht jeder unter einen Hut.

Weil eben die Zusammenhänge erheblich komplexer sind als „Dieses Medikament kann zu Selbstmord führen“, kann man genau eine solche Aussage auch nicht von Pharmaherstellern erwarten, weil sie falsch wäre und eine völlig unangemessen abschreckende Wirkung hätte. Wie dieser Film der ARD.

Seit der Einführung der SSRI ist in Deutschland die Suizidrate um ca. 50% gesunken. Und das bei einer Verschreibung von 1,1 Milliarden Tagesdosen jährlich. Würde es sich bei der Darstellung dieses ARD-Films um ein weit verbreitetes Problem handeln, müsste das ganz anders aussehen.

So bleibt uns als Fazit nur festzustellen, wie bedauerlich es ist, dass eine wichtige Medikamentengruppe wie die SSRI so sehr unausgewogen portraitiert wurde. Es ist nicht nur bedauerlich, es ist unverantwortlich.

SSRI sollten niemals als Glückspille eingenommen werden – Zustände wie in den USA, wo Prozac lange Jahre lang anscheinend  bei jeder Lebenskrise  verschrieben wurden, sind nicht wünschenswert. Aber SSRI sind Lebensretter in mehrfacher Hinsicht: Sie verhindern nicht nur Suizid sondern helfen dabei, aus einem lebendig Toten wieder einen Lebenden zu machen. Wer je eine schwere Depression hatte weiß, wie das gemeint ist. Allen anderen, die Depression immer noch für schlechte Laune halten, denen man mit Glückspillen zu Leibe rückt, sei gesagt, dass mit Filmen wie diesen vielleicht mehr Leben zerstört wird wie mit den relativ wenigen Unglücksfällen, die im Zusammenhang mit SSRI stehen.

Thomas Müller-Rörich

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