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Machen Depressionen aus Menschen Mörder? Zum Absturz der Germanwings-Maschine

Die Anzeichen mehren sich, dass der Copilot der Germanwings-Maschine psychisch krank war und wegen Depressionen behandelt wurde. Und schon entsteht bei sehr vielen Menschen der Eindruck, wenn nicht gar die Überzeugung, dass depressiv erkrankte Menschen gefährlich seien oder gar potenzielle Mörder.

Ein solcher Rückschluss ist aber genauso falsch wie die jetzt wieder häufig vernommene Behauptung, Fliegen sei gefährlich. Er beruht auf dem gleichen Denkfehler der Verallgemeinerung. Es kann weder jetzt noch zukünftig der Beweis erbracht werden, dass der unbegreifliche Entschluss von Andreas L. überhaupt etwas mit seinen Depressionen zu tun hat. Depressionen sind nämlich sehr häufig Begleiterscheinungen anderer Erkrankungen und innerer Konflikte und können sogar körperlich bedingt sein. Aber auch wenn man davon ausgeht, dass eine psychische Erkrankung der Auslöser war, verbietet sich jede Verallgemeinerung, denn es ist statistisch erwiesen, dass psychisch erkrankte Menschen nicht häufiger zu Gewalttaten neigen als die nicht psychisch erkrankten. Anders lautende Behauptungen entbehren jeder Grundlage und sind reine Fantasie.

Es wäre ein weiterer schlimmer Schaden, wenn man jetzt das Wort Depression oder allgemeiner „Psychische Erkrankung“ mit dieser Tragödie ursächlich verknüpfen würde, denn psychisch kranke Menschen benötigen dringend Verständnis und soziale Integration und nicht immer wieder neue stigmatisierende Vorurteile.

Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass Andreas L. Beziehungsprobleme hatte, wollte dann irgend jemand auf den Beziehungspartner zeigen und die Behauptung aufstellen, ein Streit vom Vorabend habe 150 Menschen das Leben gekostet? Unseren Bemühungen, Zusammenhänge zu verstehen, sind gerade im Bereich der Psyche einfach Grenzen gesetzt.

Nur eines darf als sicher gelten: Ein funktionierendes soziales Netz, gegenseitige Verantwortlichkeit und der Wille, psychisch auffällige Menschen nicht zu meiden, sondern sie einzubeziehen und mit ihnen zu sprechen können wirksam verhindern, dass sich eine psychische Störung unbemerkt so zuspitzt, wie es offensichtlich bei Andreas L. der Fall war. Wenn wir also wirklich etwas ändern wollen und uns die Frage stellen, wie sich eine solche Tragödie verhindern ließe, sollte man genau darüber nachdenken. Und zwar nicht nur jeder einzelne, sondern die ganze Gesellschaft, denn die ignoriert leider weitgehend die Tatsache, dass es viele Millionen psychisch auffälliger Menschen mit Behandlungsbedarf alleine in Deutschland gibt.

Thomas Müller-Rörich, 1.VS der Deutschen DepressionsLiga e.V.

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