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Welche Risikofaktoren für Burnout bzw. Depressionen lassen sich ausmachen?

Stressreport Deutschland 2012

Der Stressreport wurde von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz am Arbeitsplatz erstellt und beruht auf einer Befragung von rund 20.000 Erwerbstätigen. Gegenüber der letzten Befragung 2005/2006 ergaben sich dabei keine nennenswerten Veränderungen bei den Anforderungen. Dies gibt aber, so der Bericht, keinen Anlass zur Entwarnung, denn die Belastungen liegen weiterhin auf einem hohen Niveau.

Spezifische Belastungsfaktoren

Am meisten genannt und seit 2006 unverändert ist die Multitasking-Belastung (58%), also die gleichzeitige Betreuung verschiedener Aufgaben, gefolgt von Termin- und Leistungsdruck (52%), ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge (50%) und Störungen bzw. Unterbrechungen bei der Arbeit (44%).

Diese Angaben decken sich gut mit dem Eindruck, den wir bei unseren Seminaren in deutschen Betrieben gewinnen. Auch dort werden diese Faktoren am häufigsten genannt, wenn es um die Frage geht, was am meisten Stress verursacht.

Diese Faktoren lassen sich gut unter dem Schlagwort „Arbeitsverdichtung“ zusammenfassen. In diesem Zusammenhang muss ein weiteres Ergebnis des Stressreports zu denken geben: Immerhin 16% aller Befragten arbeiten mehr als 48 Stunden in der Woche. Zusätzlich ist die Anzahl derer in diese Gruppe, die häufig ihre Pausen ausfallen lassen, mit 48% am höchsten. Insgesamt geben 25% aller Befragten an, die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen aus Mangel an Gelegenheit nicht einzuhalten. Mit steigender Arbeitszeit wächst der Anteil derjenigen, die unter psychovegetativen Beschwerden leiden, wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Nervosität, Erschöpfung.

70% derjenigen Beschäftigten, die über körperliche und emotionale Erschöpfung klagen, arbeiten häufig unter Stress. In der Gruppe, die sich weder körperlich noch emotional erschöpft fühlen, sind es nur 42%.

Arbeitsverdichtung ist also ein Risikofaktor, der ein erhöhtes Risiko auch für Depressionen darstellt. Firmen, die unter Kostendruck oder Erfolgsdruck Arbeitsplätze abbauen und die dadurch anfallende Mehrarbeit unter den anderen Mitarbeitern aufteilen, handeln sich zunehmend Probleme langwieriger Ausfälle von weiteren Mitarbeitern oder gar deren Totalverlust ein. Ganz abgesehen davon, dass es ethisch unvertretbar ist, dies in Kauf zu nehmen, dürfte auch die Wirtschaftlichkeit eines solchen Handelns langfristig nicht gegeben sein.

Ressourcen

Den Risikofaktoren stehen Ressourcen, also Mittel zur Bewältigung gegenüber, die man auch als Gegenmittel gegen Stressfaktoren bezeichnen könnte, weil sie unterstützend wirken.

Die Befragten berichten zu 88% von guter Zusammenarbeit mit den Kollegen, sie fühlen sich zu 80% als Teil einer Gemeinschaft und zu ebenfalls 80% erhalten sie Unterstützung und Hilfe von ihren Kollegen.

Von besonders hoher Bedeutung ist die Möglichkeit, mit Führungspersonen über Probleme  sprechen zu können. Je häufiger die Unterstützung durch Vorgesetzte erfolgt, desto geringer ist die Anzahl der gesundheitlichen Beschwerden. Hier geben aber nur 59% der Beschäftigten an, diese Unterstützung zu erhalten. Hier liegt also eine große Chance, durch besseren Kontakt zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern und ihnen Unsicherheiten zu nehmen – offensichtlich hat dies einen hohen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko.

Der Stressreport bestätigt außerdem erneut, was schon frühere Untersuchungen gezeigt haben: Hohe Anforderungen an den Job müssen auch mit viel Handlungsspielraum einhergehen, um den Stress so gering wie möglich zu halten. Damit Mitarbeiter nicht in Konflikt mit ihren familiären Belangen und persönlichen Bedürfnissen geraten, benötigen sie umso mehr Spielräume, je mehr  ihr Job ihnen abverlangt. Flexible Arbeitszeiten sind eine wichtige Möglichkeit, solche Handlungsspielräume zu schaffen.

Stressfaktoren sind nicht nur arbeitsspezifisch

Wenn man sich die Ergebnisse des Stressreports anschaut, sieht man, dass ganz allgemeine Stressfaktoren eine Rolle spielen, die auch außerhalb der Arbeit auftreten können. Multitasking begegnet uns nicht nur am Arbeitsplatz, wir lassen uns auch außerhalb der Arbeit darauf ein.

Termin- und Leistungsdruck setzen sich in die Freizeit hinein fort, indem man häufig auch dort leistungsorientierten Tätigkeiten nachgeht und sich den persönlichen Freiraum mit entsprechenden Terminen anfüllt.

Ruhezeiten müssen wieder vermehrt eingeplant werden und Erholung mehr in den Vordergrund treten. Andauernde Hektik und Reizüberflutung jeglicher Art hingegen sind ungünstige Stressfaktoren.

Soziale Unterstützung ist eine Ressource, die nicht nur im Arbeitsleben einen wichtigen Schutz vor Erkrankung bietet. Aber auch ausreichend körperliche Bewegung muss immer wieder als wichtige präventive Maßnahme genannt werden.

Es mag richtig sein, dass die dramatische Zunahme von Depressionen und Angststörungen u.a. auch auf eine bessere Diagnostik und eine höhere Behandlungsbereitschaft auf Seiten der Betroffenen zurückzuführen ist.

Daneben gibt es aber auch Einflüsse des modernen Lebensstils, die Depressionen begünstigen. Hier ist jeder einzelne aufgerufen, eine gesunde Balance zwischen Herausforderung und Entspannung zu finden und das Leben nicht atemlos werden zu lassen.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen müssen in Zukunft stärker berücksichtigen, dass es Grenzen der Belastbarkeit gibt, dass Gesundheit vor Leistung geht und dass zu viel Tempo die Anzahl derer erhöht, die nicht mehr mithalten können.

 

Thomas Müller-Rörich

 

Volltext Stressreport

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