Selbsthilfegruppen

Dem Verständnis von Selbsthilfearbeit heute geht eine lange Entwicklung bürgerlichen Umdenkens und einem Erkämpfen von Freiheiten zum Bekenntnis eigener Unvollständigkeit voraus. Mit dem Konzept des 12-Schritte-Programms der Anonymen Alkoholiker (AA) entstand ab den 1970er Jahren eine feste Struktur für das Miteinander von Gleichbetroffenen. Das sich wandelnde Verständnis von Gesundheitsprävention und der Gedanke, den Patienten zum eigenen Experten seiner gesundheitlichen Probleme werden zu lassen, trugen mit dazu bei, dass sich die Selbsthilfe zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil der sozialen Bürgerbewegung zählen kann. Heute ist sie eine unverzichtbare Säule im Gesundheits- und Sozialsystem. Für viele Patienten und Betroffene ist Selbsthilfearbeit ein fester Bestandteil in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung und im Verstehen der eigenen Nöte.

Zumeist wird Selbsthilfearbeit heute an der Basis – in Selbsthilfegruppen – geleistet. Deutschlandweit gibt es etwa 80.000 bis 100.000 solcher Gruppen. Man schätzt, dass rund 9 bis 10 % der erwachsenen Bundesbürger einer Selbsthilfegruppe angehör(t)en oder zumindest schon darüber nachgedacht haben, eine solche aufzusuchen. Das Prinzip "Selbsthilfe" kann heute nicht unmittelbar wörtlich verstanden werden. Sich selbst helfen bedeutet nicht, mit seinen Anliegen alleine fertig zu werden. Viel eher wird in der Selbsthilfearbeit versucht, die eigenen Kompetenzen zu entdecken und zu fördern, um den Umgang mit der eigenen Lebenssituation erleichternd zu gestalten.

Selbsthilfearbeit regt den Patienten und Betroffenen an, das Schicksal nicht alleine von der Hilfestellung von außen abhängig zu machen. Selbstvertrauen erlangen und Mut finden, die eigene Erkrankung oder soziale Lage nicht vor sich selbst zu verschweigen, sondern offensiv damit zu beginnen, sich mit dem Ist-Zustand zu beschäftigen. Allerdings fördert Selbsthilfe auch die Motivation, gemeinsam mit anderen Menschen etwas zu bewegen. Nicht nur das Verstehen des Derzeitigen, sondern auch der Impuls, an eingefahrenen Strukturen etwas zu verändern und damit Bereitschaft zu zeigen, sich nicht dem Schicksal zu überlassen.

Selbsthilfegruppen:

  • Sind zumeist Zusammenschlüsse von maximal 8 bis 12 Personen, die unter gleichen Krankheitsbildern leiden, ähnliche Erfahrungen durchlebt haben oder in vergleichbar sozial prekärem Umfeld leben. In der Regel gibt es eine Gruppenleitung, der als Selbstbetroffener organisiert und moderiert.
  • Kommen in regelmäßigen Treffen (wöchentlich, 14-tägig, monatlich usw.) zum Erfahrungsaustausch zusammen. In ein- bis zweistündigen Sitzungen steht jedoch nicht nur das in der vergangenen Woche Erlebte im Mittelpunkt, sondern auch der Informationstransfer. Das Prinzip des gebildeten Patienten wird auch immer häufiger von Selbsthilfegruppen unterstützt.
  • Besprechen fachliche Fragen, bieten Platz für geschützten Erfahrungsaustausch (Verschwiegenheitspflicht), das Einholen von Ratschlägen und Einschätzungen anderer Betroffener/Angehöriger, sind da, um sich auszusprechen, und geben teilweise auch die Möglichkeit zur telefonischen/elektronischen Beratung oder zum direkten Einzelgespräch. In den SHGen gelten übliche und gängige Gruppenregeln.
  • Verweisen gegebenenfalls an Fachpersonen und –dienste, organisieren Informationsmaterial, gestalten bei Bedarf Freizeitprogramme und bieten Strukturen für neue soziale Kontakte und Vertrauen, später auch in die "Außenwelt" zurück.
  • Sind zumeist lose organisiert ("Gesellschaften bürgerlichen Rechts") und können deshalb zwanglos besucht und auch wieder verlassen werden, wobei sich eine kontinuierliche Teilnahme empfiehlt. Ausnahmen bilden Gruppen, die als Vereine agieren und zur Mitgliedschaft verpflichten.

Häufig in den Gruppen gestellte Fragen können sein:

  • Wie bist du mit der Ausgrenzung umgegangen?
  • Welche Erfahrungen hast du mit dieser Therapieform gemacht?
  • Was weißt du über die Entstehung der Krankheit?
  • Bei welchen Anlaufstellen bekamst du Hilfe?
  • Weißt du, welchen Antrag ich ausfüllen muss?

Selbsthilfegruppen sind aufgrund ihrer laienhaften Besetzung nicht in der Lage, bei pathologisch relevanten Problemen alleinige Stütze zu sein. Daher wird von zahlreichen Gruppen auch die Bedingung an neue Teilnehmer gestellt, in therapeutischer und/oder ärztlicher Behandlung zu sein, um sicher zu stellen, dass die Verantwortung für das Krankheitsbild oder die soziale Misslage nicht auf die Gruppe abgewälzt werden kann. Selbsthilfegruppen ersetzen in keinem Fall einen Arzt oder Psychotherapeuten!

Die kleinste Einheit in der Selbsthilfe stellen die Selbsthilfegruppen vor Ort dar. Sie leisten die Aufgaben der direkten Versorgung für die Betroffenen und sind erste Anlaufstelle. Organisiert werden diese in Kontakt-, Informations- oder Koordinationsstellen, die die Selbsthilfearbeit in einem gewissen regionalen Umfeld (z.B. Landkreis) verwalten, oftmals auch als "KISS" bekannt.

Nach dem Sozialgesetzbuch V (§20c) sind Krankenkassen heute zur finanziellen Unterstützung von Selbsthilfegruppen gesetzlich verpflichtet. Im Jahr 2013 wurden von den Beiträgen der Versicherten pro Jahr 0,61 € in einen "Pool" abgeführt. Aus diesem werden die Selbsthilfeaktivitäten vor Ort gefördert. Für den alltäglichen Bedarf wie Porto-, Telefon- oder Werbungskosten haben Selbsthilfegruppen die Möglichkeit, pauschale Anträge an Krankenkassen zu stellen. Für spezielle Projekte wie Ausflüge oder die Ausrichtung eines Gesundheitstages können projektbezogene Mittel bei den örtlichen Krankenkassen beantragt werden. Somit sind Selbsthilfegruppen in der Regel kostenlos (Ausnahme: Unkostenanteile für Raummiete oder Vereinsgebühren…) und unabhängig von der Krankenversicherung (ob gesetzlich oder privat) für jedermann offenstehend.

Ehrenamtlichen Gruppenleitern wird durch die örtlichen Selbsthilfekontaktstellen und überregionalen Dachverbänden eine kontinuierliche Fortbildung angeboten. Diese umfasst nicht nur Lehrgänge im Bereich Moderation und Präsentation, sondern auch zu Themen wie Kommunikation, Rhetorik, psychologischen Grundkenntnissen etc.

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