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Depression und Zwangserkrankung

 

Im Rahmen von Zwangserkrankungen kommen Depressionen häufig vor; Depressionen und Zwänge können sich auch gegenseitig bedingen.

Von einer Zwangsstörung Betroffene leiden unter Zwangsgedanken und/oder unter Zwangshandlungen. Wiederkehrende und monotone Ängste und übertriebene Sorgen lösen den Impuls einer Zwangshandlung (z.B. kontrollieren, waschen, ordnen oder putzen) zur Absicherung beziehungsweise Gegensteuerung (auch „Neutralisierung“ genannt) aus. Häufige Zwangshandlungen sind z.B.:

- Reinigungszwänge (wie Händewaschen, Duschen, Putzen)

- (An-)Ordnungs-, Sortierzwänge

- Kontroll-, Wiederhol- und Zählzwänge (z.B.: Ist die Tür auch wirklich abgeschlossen? Habe ich das Bügeleisen tatsächlich ausgeschaltet?)

- Sammelzwänge.

Durch die wiederkehrenden Befürchtungen und den Versuch, diese über Rückversicherung zu kontrollieren, geraten die Betroffenen zumeist in einen Strudel ständiger Anspannung und Aktivität. Dagegen können Zwangsgedanken eigenständig als sich stets wiederholende Befürchtungen auftreten, die zumeist um die Themen Schuld und Verletzlichkeit kreisen und als vollkommen realitätsfern einzustufen sind. Der Zwangserkrankte kann diese Unsinnigkeit erkennen, sich aber nicht aus der entsprechenden Gedankenspirale lösen.

Zwangsgedanken werden in die Kategorien aggressiv (z.B. immer wieder auftauchende Sorge, das eigene Kind attackieren zu können), sexuell (u.a. die ständige Angst, sich beim Geschlechtsverkehr mit übertragbaren Krankheiten angesteckt zu haben) und religiös (beispielsweise die Befürchtung eines zornigen Gottes, der ständig beobachtet und bestraft) eingeteilt. Zwangsgedanken können auch Auslöser von Zwangshandlungen sein, die dann die Sorgen neutralisieren sollen.

Vom Erscheinungsbild her gibt es eine große Ähnlichkeit zwischen Zwangsgedanken und dem bei Depressionen häufig auftauchenden Grübeln. Die Vermutung liegt nahe, dass Zwangsgedanken und depressives Grübeln in der Praxis häufig verwechselt werden können. Unterschiede sind aber deutlich abzugrenzen: Während das depressive Grübeln meist auf tatsächliche Lebensumstände zurückzuführen ist und um mehr oder weniger existenzielle Fragen kreist, sind Zwangsgedanken ohne Verbindung zur Wirklichkeit zu sehen. Ihr übersteigerter und abwegiger Charakter unterscheidet sie ebenso wie die Monotonie ihrer Inhalte, teils über Jahre hinweg. Zwangspatienten ist die Absurdität ihres Denkens und Handelns zudem außerhalb der Zwangsphasen bewusst. Während das depressive Grübeln meist hilflos hingenommen wird, unternimmt der Zwangserkrankte häufig anstrengende Versuche des Distanzierens und Loswerdens seiner Gedanken – und bedient sich hier der gegensteuernden Zwangshandlungen.

Die Einschränkung der Lebensqualität durch Zeitverlust und Leidensdruck ist allseits enorm. Zwangserkrankte und Betroffene einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur fallen überdies prägnant durch einen übermäßig perfektionistischen, ritualhaften und systemliebenden Ordnungssinn auf.

Depression und Zwänge können sich auch gegenseitig bedingen. Menschen reagieren oft auf die durch die Zwangserkrankung verursachte Scham und Behinderung im Alltag mit Niedergeschlagenheit. Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes und Spannungen in zwischenmenschlichen Beziehungen treten häufig in diesem Zusammenhang auf und lassen bei dem Betroffenen ein Gefühl von Hilflosigkeit entstehen. Umgekehrt wird von Betroffenen auch über eine Zunahme der Zwänge in Situationen besonderer Belastung, Hilflosigkeit, Überforderung und Niedergeschlagenheit berichtet. Das heißt, es kommt ein Teufelskreis in Gang: Die Depressionen wirken verstärkend auf die Zwänge und häufig auch umgekehrt. Insgesamt kann gesagt werden, dass bis zu 70 Prozent aller Menschen, die unter Zwängen leiden, irgendwann auch an einer Depression erkranken werden.

Wegen des häufig gemeinsamen Auftretens von Zwängen und Depressionen finden bestimmte Medikamente, die bei der Behandlung der Zwangserkrankung verschrieben werden, auch Einsatz bei der Behandlung von Depressionen, wie z.B. sog. SSRI. Beiden Erkrankungen können ähnliche Störungen des Neurotransmittertransfers im Gehirn vorliegen. Leider wird daraus manchmal der falsche Schluss gezogen, dass die Behandlung einer Zwangserkrankung nach den gleichen Regeln erfolgen muss wie die Behandlung einer Depression. Eine Therapie, die nur Depressionen berücksichtigt, läuft bei Zwangspatienten oft völlig ins Leere. Vielmehr muss bei Zwangsstörungen versucht werden, die Befürchtungen im Rahmen eines Konfrontationstrainings zu bewältigen. Diese Expositionstherapie ist darauf ausgerichtet, dem angeeigneten Zwangsverhalten wieder rationale Handlungsweisen entgegen zu setzen – und dem durch Befürchtungen entstehenden Druck aus Angst und Anspannung widerstehen zu lernen. Dagegen setzt die Psychotherapie bei Depressionen in Übungen und Gesprächen insbesondere auf Aufarbeitung der Ursachen und auf die Rückführung in die alltäglichen Aufgaben. Dabei wird gerade eine neue Ziel- und Sinnsetzung berücksichtigt.

In möglichen Ursachen kann man neben der wechselseitigen Beeinflussung der Erkrankungen weitere Gemeinsamkeiten erkennen: Die Auslenkung des Botenstoffverkehrs im Gehirn kann bei Zwängen und Depressionen ein unterstützender Faktor sein, gleichsam wie biografische Gründe (Überbehütung, mangelndes Selbstvertrauen, traumatische Ereignisse, Stress- und Belastungssituationen…) oder genetische Komponenten.

Weitere Hilfe:

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ)
Postfach 70 23 34
22023 Hamburg
Telefon: 040 / 689 13 700
Allgemeine Sprechzeit: Montag bis Freitag von 10:00 bis 12:00 Uhr

www.zwaenge.de

DGZ-Ansprechpartner für Baden-Württemberg:
Dennis Riehle, Tel.: 07531/955401, info@zwang-phobie.de

Literaturangabe

Ciupka Burkhard: Zwänge - Hilfe für ein oft verheimlichtes Leiden, 2001 Walter/Patmos Verlag, Ostfildern

Reinecker, Hans S.: Zwänge - Diagnose, Therapie und Behandlung, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, 1998 Hans Huber, Bern

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