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Stimmen und Meinungen

Auf dieser Plattform möchten wir interessierten Leser*innen die Möglichkeit bieten, ihre Gedanken zum Thema Depression und psychische Erkrankung zu äußern.

Wir freuen uns auf Ihre Beiträge. Bitte senden Sie diese an

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Was hat mir geholfen, in der Corona-Krise nicht in Depressionen zu verfallen

Ein Beitrag unseres Mitglieds Bernd Andreas Czarnitzki:

Ich habe in den vielen Jahren seit meiner Diagnose Burnout und Depressionen vieles gelernt, um meine Stimmung zu regulieren: Angefangen bei Entspannungstechniken wie PMR oder bewusstem Atmen bis hin zu Achtsamkeitstraining. In den letzten Jahren gab es Phasen, in denen es mir schwer fiel, diese Skills anzuwenden. Allzu oft bin ich deshalb in einer depressiven Phase gelandet.

Ein erneuter tagesklinischer Aufenthalt in 2019 hat mir gezeigt, wie viel ich schon gelernt habe. In der Tagesklinik ging es hauptsächlich um Menschen, die zum ersten Mal in einer psychischen Krise gelandet sind. Für mich als Erfahrenen war da nichts Neues dabei. Anfangs hat mich das geärgert. Heute weiß ich, dass mir das nur gezeigt hat, wieviel ich bereits gelernt habe und was ich alles weitergeben kann an andere.

Skills sind gut und schön; wenn man sie aber nicht anwendet, dann verkümmern unsere Sinne dafür. Sie immer nur alleine anzuwenden, führt irgendwann dazu, dass man abstumpft und die Skills ihre Wirkung nicht mehr entfalten können.

Dann wird es Zeit, das Gelernte auch an andere Menschen weiterzugeben oder neue Skills zu erlernen.

Irgendwann ist man aber auch in der Lage, die Skills zu reduzieren oder gar ganz auf sie zu verzichten.

Das Zauberwort hierfür lautet: Achtsamkeit.

Was heute teils inflationär gebraucht wird, ist zum Beispiel für mich eine sehr gute Sache um festzustellen, wann mir etwas zu viel wird. Auch das habe ich in den letzten Jahren ausreichend trainiert: Darauf zu achten, wann mir eine Sache, die ich gerade tue, nicht mehr guttut. Dann höre ich kurzzeitig mit der Tätigkeit auf und mache etwas, was mir Zufriedenheit und Freude verschafft. Ein Spaziergang zum Beispiel, auf dem ich darauf achte, was für schöne Dinge ich rechts und links des Weges entdecken kann. Die halte ich dann mit der Smartphone-Kamera fest. Später kann ich mich daran erinnern und erfreuen. Oder ich kümmere mich erst einmal um mein Hobby, bastle an meiner Modelleisenbahn, schaue mir frühere Bilder an.

Konkret habe ich in der jetzigen Pandemie gemerkt, dass mir die vielen Nachrichten und Theorien zur Corona-Pandemie irgendwann zu viel wurden. Ein bewusster Konsum der Nachrichten sowie Verschwörungstheorien zu meiden ist für mich der Weg gewesen, meine Angst davor zu sterben ablegen zu können. Und ich lasse es mir bislang nicht nehmen, bei einem Spaziergang auf die schönen Dinge zu achten, die ich sonst vielleicht übersehe. Und das jeden einzelnen Tag.

Was mir sehr viel zurück gibt, ist die Weitergabe meiner Erfahrungen, die ich mit meinen Depressionen oder meinem Burnout gesammelt habe. Auch und gerade jetzt in der aktuellen Situation. Unser Verein Genesungsbegleitung und Peerberatung Hamburg bietet eine Telefon- und Mailbegleitung für Menschen in einer seelischen Notlage während der Corona-Krise an, bei der ich den Part mit der Emailbegleitung übernommen habe.

Erfahrungswissen ist sehr wertvoll. Es wird in vielen Situationen zwar nicht wertgeschätzt – in der Wirtschaft zählt nur, was du leisten kannst – es ist aber ein Schatz, aus dem wir schöpfen können. Unsere jeweiligen Erfahrungen sind auch Leitlinien, an denen wir (Ver-)Änderungen ablesen und davon ableiten können. Ohne Erfahrungen würden viele von uns heute noch auf Knien auf dem Boden versuchen, vorwärts zu kommen.

Und nicht jeder, der auch eine Depression erlebt hat, hat sie genauso erlebt wie ich. Jeder Mensch macht eigene Erfahrungen. Ein Skill, das mir hilft, muss nicht meinem Gegenüber helfen.

In der Begleitung von Menschen ist es wichtig, sich diese Offenheit für unterschiedliche Erfahrungen und Hilfen zu bewahren. Wer offen ist für Anderes, kann auch etwas Neues kennenlernen.

Auch das kann zu Veränderung führen – größtenteils bei uns selbst.

Ich möchte diesen Text mit einem Zitat von Mahatma Ghandi abschließen:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Das heißt aber auch: Die Veränderung, die ich mir für mein Gegenüber wünsche, beginnt in mir.

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Das Leben mit Zwangsgedanken: „Sie sind wie Fake News im Kopf…“

Ein Beitrag unseres Mitglieds Dennis Riehle:

Immer wieder werde ich von Außenstehenden gefragt, wie es sich eigentlich mit Zwangsgedanken lebt. Klar, Zwangshandlungen sind einem gesunden Mitmenschen deutlich leichter näherzubringen als ein reines Geschehen innerhalb des Gehirns. Kürzlich fand ich dann aber ein treffendes Beispiel: Als wieder einmal über den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump berichtet wurde, fiel das Stichwort der „Fake News“. In Zeiten der sozialen Medien verbreiten sich Schlagzeilen und Berichte in Windeseile – und dem einfachen Bürger bleibt kaum noch Zeit, in aller Ruhe zu prüfen, ob es sich bei manch einer skurrilen Geschichte tatsächlich um die Wahrheit handelt – oder ob uns jemand einen Bären aufbinden will. Es wird immer schwieriger, seriöse Medien zu finden, denen wir glauben können. Und einem Zwangserkrankten, der vornehmlich unter Zwangsgedanken leidet, ergeht es mit dem, was sich in seinem Kopf abspielt, völlig ähnlich. Da gaukelt uns der Zwang etwas vor, was auf den ersten Blick für uns großen Schrecken und Angst auslösen mag. Prüfen wir die Geschichte, die uns suggeriert wird, dann aber genauer, so kommen wir nicht selten zu dem Schluss: Der Zwang verkauft uns Falschmeldungen. 

Ich bin seit rund 15 Jahre mit aggressiven und sexuellen Zwangsgedanken konfrontiert. Nicht selten wollen sie mir gruselige Vorstellungen einreden: Ich fürchte mich davor, jemandem etwas antun zu können – und weiß andererseits, dass ich wohl zu den friedlichsten Menschen überhaupt gehöre. Deshalb ist dieser Gedankenfilm, den mir die Zwangsstörung einbläut, vor allem im ersten Augenblick auch so furchtbar verstörend und löst wahre Panik in mir aus. Denn der Zweifel ist omnipräsent: Könnte an dem, was mir mein Kino im Kopf vorspielt, vielleicht etwas Wahres dran sein? Auch beim Lesen von „Fake News“ geraten wir in diese Falle: Falsche Tatsachen werden uns derart authentisch dargebracht, dass wir im ersten Moment kaum unterscheiden können, ob es sich um Wahrhaftigkeit oder Lüge handelt. Immer und immer wieder kommen die Gedanken in unsere Wahrnehmung zurück, sie lassen uns keine Ruhe, sie terrorisieren uns, bis wir letztlich davon überzeugt sind, sie könnten tatsächlich echt sein. Doch die Bilder, die Szenarien und die Befürchtungen, die Zwangsgedanken in uns auslösen, sind nur deshalb so stark, weil wir in uns selbst oftmals das Vertrauen verloren haben und unsicher werden, unserer eigenen Aufmerksamkeit zu glauben.

In solchen Situationen hilft uns meist nur noch die kognitive Verhaltenstherapie, die auch für mich den größtmöglichen Effekt und die beste Linderung brachte. Denn wer erst einmal auf den Trichter gekommen ist, „Fake News“ nur ein Fünkchen an Objektivität zuzuschreiben, der kann meist nicht mehr zwischen „gut“ und „böse“ unterscheiden. Dann braucht es einen Unabhängigen, der auf dem Boden der Tatsachen geerdet ist und die Spreu vom Weizen trennen kann. Ja, auch in unserer schnelllebigen Welt ist es schwierig geworden, diejenigen Medien zu finden, die sich von sozialen Netzwerken und kruden Plattformen von Verschwörungstheoretikern abheben und ihre Nachrichten mit Fakten belegen können. Genauso ergeht es leider auch vielen Zwangserkrankten, die nicht selten Schwierigkeiten haben, den passenden Ansprechpartner für die eigene Erkrankung zu finden. Noch immer sind viele Psychotherapeuten über Monate hinweg ausgelastet – und das Glück, eine auf Zwangsgedanken spezialisierte Fachperson zu finden, wird vielen Betroffenen nicht zuteil. Stattdessen müssen sie sich oft über Jahre hinweg quälen, bis ihnen geholfen wird. Denn das Eingestehen, an einer Krankheit zu leiden, die an sich gute Chancen auf Besserung der Symptomatik hat, braucht ermutigendes Zureden – und vor allem Geduld. 

Wenn wir erst einmal zu der Erkenntnis gelangt sind, dass sich in unserem Gehirn etwas abspielt, was mit der Realität recht wenig zu tun hat, beginnt der Prozess des Distanzierens. Er ist unumgänglich, denn erst mit der Einsicht, dass Zwänge uns etwas vorgaukeln, können wir neues Zutrauen in uns selbst erwerben. Die Abgrenzung der Zwangserkrankung als etwas, das uns schaden, das uns durcheinanderbringen und uns aus der Bahn werfen möchte, ist nach meinem Dafürhalten entscheidend, um die zwanghaften Gedanken durch sinnvolle, sinnstiftende und persönlichkeitsbildende Überlegungen ersetzen zu können. Es ist notwendig, dass wir uns von der vordergründigen Tatsächlichkeit eines Zwangsgedanken separieren, indem wir durch das Spiegeln rationaler Argumente den Weg zurück in realistisches Denken finden. Ich bin überzeugt, dass Zwangsgedanken durchaus ihren Sinn und Ursache haben. Wie „Fake News“ Ausdruck großer Empörung über die Obrigkeit sind und sich Wutbürger anhand manipulativen Herausposaunens von Unwahrheiten Aufmerksamkeit verschaffen wollen, so sollen auch die zwanghaften Gedanken den Fokus auf Wunden unserer Psyche legen. Denn Zwänge sind nach meinem festen Dafürhalten nicht nur ein Ausdruck von erlernter Gepflogenheit, sondern Projektionsfläche der Vergangenheit. 

Wer von seinen Zwangsgedanken wegkommen möchte, der muss also nicht nur üben, die Habitualisierung1 wieder abzutrainieren. Vielmehr geht es darum, mögliche Szenarien ihrer Entstehung zu überprüfen. Immerhin liegt der Grund für ein Krankheitsbild der Seele allzu oft in Traumata, in falschen Assoziationen2 zwischen erlernten Regeln und Emotionen, in ungünstigen Prägungen der Persönlichkeit aus Erziehung und des Erwachsenwerdens, in Erfahrungen des Unterdrücktseins und ausbleibenden Chancen zur Entwicklung deiner eigenen Freiheitsliebe, in psychosozialen Schicksalsschlägen oder im Erleben anankastischer3 Verhaltensweisen durch familiäres oder gesellschaftliches Vorleben einengender Konventionen4. Wenn „Fake News“ unseren Kopf belagern, dann sind wir der Meinung von Dritten ausgesetzt, deren Richtigkeit, Konsistenz und Originalität wir stets überprüfen sollten. Genauso ergeht es uns mit Zwangsgedanken, die lediglich ein falsches Abbild des Ist-Zustandes liefern. In Selbsthilfegruppen habe ich gelernt, wie wir es gemeinsam schaffen, uns selbst wieder zu erden. Dafür braucht es einen klaren Blick des Anderen, der uns reflektiert, wo unser verzerrtes Denken zu einer vorwurfsvollen Endlosschleife wird und unsere Lebensqualität ernsthaft schmälert. 

So, wie wir gegen „Fake News“ gesamtgesellschaftlich unsere Abrede erheben, muss auch der Zwangserkrankte seinem unsichtbaren Feind begegnen. Das Entlarven unserer Gedanken als Ausdruck eines krankhaften Geschehens entlastet uns massiv. Denn wenn wir es schaffen, dem Zwang die Tatsächlichkeit gegenüberzustellen, verliert er sofort seine Funktion. Wir müssen auf Spurensuche gehen, wenn wir den Auslöser der Falschnachrichten in unserem Schädel finden wollen. Dazu ist eine strikte Auseinandersetzung mit uns selbst nötig, denn erst durch das Erstarken von neuem Eigenbewusstsein haben wir die Möglichkeit, den Unruhe stiftenden Kreislauf an irreführenden Überzeugungen in seiner Widersprüchlichkeit zu enttarnen. Rückbesinnung auf unser Selbstwertgefühl ist die Ausgangslage für das Umlenken ängstigender Impulse in unserem Kopf. Ich habe Zeit gebraucht, um mich und meine Eigenheiten anzunehmen. Dazu gehört ausdrücklich nicht der Zwang, den ich mittlerweile zwar als Bestandteil meines Daseins toleriere, aber nie als ein Stück von mir akzeptieren werde. Denn „Fake News“ gehören weder auf „Facebook“ oder „Instagram“, noch in unsere Psyche. Sie zerstören Selbstwert und Vertrauen. Streiten wir deshalb für Objektivität, in unserer Demokratie – und in unserer Psyche… 

1 Habitualisierung – etwas zur Gewohnheit machen
2 Assoziation – Verknüpfung
3 anankastisch – zwanghaft
4 Konvention – Verhaltensnorm

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